CDU richtet in Bonn ein Schaulager ein, in dem Parteimitglieder ihre Überzeugungen abgeben und nummeriert zurückerhalten
Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union lässt Friedrich Merz die eigene Parteibasis antreten: Jedes Mitglied muss seine politische Überzeugung an einer Garderobe abgeben und bekommt sie nach der Rede sortiert zurück – falls noch vorhanden.
BONN – Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union hat die CDU-Spitze am Samstag eine «Überzeugungsausgabe» eingerichtet: Am Eingang der Bonner Veranstaltungshalle mussten alle Delegierten ihre politischen Grundsätze an einer Garderobe abgeben und erhielten eine nummerierte Quittung. Friedrich Merz eröffnete die Veranstaltung mit der Feststellung, man werde die abgegebenen Positionen «nach der Rede neu sortieren und gegebenenfalls entsorgen».
Die Garderobe war am Morgen mit Regalen für die wichtigsten Richtungen ausgestattet: «konservativ pur», «Mitte», «soziale Gerechtigkeit» und «Abgrenzung nach ganz links und ganz rechts». Bis zum Mittag war das Regal «Mitte» nach Angaben der Standleitung vollständig geleert, während das Fach «konservativ pur» mehrfach nachgefüllt werden musste. Ein Ordner erklärte, man habe «aus Sicherheitsgründen» begonnen, die abgegebenen Überzeugungen zu zählen, um zu prüfen, ob die Partei überhaupt noch welche besitze.
Merz selbst trat ohne abgegebene Überzeugung ans Rednerpult und stellte die Frage, ob es die CDU noch brauche. Die Antwort «Ja» fiel nach Angaben von Teilnehmern so leise aus, dass die Tontechnik sie zweimal nachregeln musste. Anschließend bat er die Delegierten, ihre Quittungen hochzuhalten, damit man sehe, «wer noch etwas übrig hat». Die Junge Union forderte daraufhin, die Garderobe bis zum Parteitag geöffnet zu lassen und die nicht abgeholten Positionen an die AfD zu überweisen – «damit sie dort wenigstens noch gebraucht werden».
Am Abend standen die Delegierten mit leeren Händen vor der Ausgabe. Ein Mitarbeiter der Parteizentrale erklärte, die Überzeugungen seien «in der Klausur» und würden «nach der nächsten Sitzung» zurückgegeben. Bis dahin, so heißt es in Bonn, dürfe jedes Mitglied eine Ersatzüberzeugung aus einem Stapel ziehen, auf dem nur ein Wort steht: «Chancengerechtigkeit».
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