Wedeler Bücherei druckt Bookface-Trend aus und verlangt von Besuchern stundenlanges Starren
Die Stadtbücherei Wedel hat den Instagram-Trend Bookface ins Analoge geholt: 25 Collagen hängen im Lesecafé, begleitet von einem festen Betrachtungsplan und Aufsichtspersonal.
Die Stadtbücherei Wedel hat den Social-Media-Trend Bookface aus dem Digitalen ins Analoge überführt und dabei eine strenge Betrachtungsordnung eingeführt. Seit Montag hängen im Lesecafé 25 ausgedruckte Collagen, auf denen Besucher ihre Gesichter hinter Buchcovern verstecken. Wer das Café betritt, muss sich zunächst an einem Tresen eine nummerierte Betrachtungskarte abholen und erhält einen festen Zeitplan, der den Aufenthalt vor jedem Kunstwerk auf exakt sieben Minuten begrenzt.
Die Leiterin der Einrichtung, Ingrid Blohm, erklärte, dass die ausgedruckten Werke nicht einfach nur an der Wand hängen dürften, sondern wie echte Kunst behandelt werden müssten. „Ein Bookface lebt von der stillen Zwiesprache zwischen Betrachter und Buchrücken“, sagte sie. „Deshalb haben wir Aufsichtspersonal eingestellt, das mit Stoppuhren durch das Café geht und allzu schnelle Betrachter freundlich, aber bestimmt zurück an ihren Platz bittet.“ Wer alle 25 Werke in der vorgeschriebenen Zeit würdigt, erhält eine Urkunde mit dem Vermerk „Analog geprüft“.
Bereits am ersten Tag bildete sich vor der Bücherei eine Warteschlange, die bis zur Fußgängerzone reichte. Einige Besucher hatten sich mit eigenen Büchern eingedeckt, um die Wartezeit mit dem Lesen zu überbrücken, wurden jedoch von Ordnern darauf hingewiesen, dass das Lesen während der Wartezeit gegen die Hausordnung verstößt. Die Bücherei plant nun, die Aktion auf weitere Filialen auszuweiten und zusätzlich eine wöchentliche „Bookface-Andacht“ einzuführen, bei der die Collagen im Wechsel mit Kerzenlicht präsentiert werden.